Okt 272013
 

Der olympische Schöpfungsmythos

Von vielen griechischen Mythen existieren Varianten, die sich Mal mehr, Mal weniger deutlich voneinander unterscheiden. Ich habe mich bemüht, dem Hauptstrom der antiken Erzählungen zu folgen. Die Intuitionen, die im antiken Mythos zu poetischen Bildern wurden, sind so tief und so essentiell, dass man ihre Bedeutung auf mehreren Ebenen lesen kann. Dies gilt besonders für den olympischen Schöpfungsmythos. Hier werden symbolisch die ersten essentiellen Phasen einer jeden Entwicklung skizziert. Der Mythos ist eine schöpferische Leistung des Menschen. Er ist ein Kunstwerk und jedes Kunstwerk zeigt uns nicht nur den Inhalt, der durch das Kunstwerk dargestellt wird, sondern immer auch den Geist des Künstlers.

Die Schöpfungsmythen beschreiben in ihren poetischen Bildern nicht nur die Entstehung der Welt, sondern auch die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, das diese Welt erfährt. Wir haben es im antiken Schöpfungsmythos also auch mit einem geistigen Selbstportrait des Menschen aus den Anfängen der europäischen Kultur und einer antiken Beschreibung der Entwicklung des Menschen zu tun. Die moderne Entwicklungspsychologie nimmt an, dass jeder Mensch Alle früheren Entwicklungsstufen der Menschheit noch einmal wiederholt, bevor er in der Gegenwart seiner Epoche ankommt. Nach dieser Sicht gibt es eine “magische Phase”, in der das Kind in einer Welt voller zauberhafter Bilder und Gestalten lebt. Dies ist die Welt des Kindes, bevor es die Trennung von Innen- und Außenwelt vollzogen hat. Eine Phase, in der es die Geschehnisse in seiner Welt noch nicht rational als logische Abfolgen von Ursachen und Wirkungen erfasst. Seine Welt ist noch voller magischer Gestalten und geheimnisvoller Zusammenhänge.

Die Belebung der Welt durch phantastische Gestalten, die der eigenen Seele entspringen und die noch fließende Grenze zwischen Innen und Außen findet sich auch in allen frühen Kulturen der Menschheit. Alles ist seelisch und geistig belebt, es gibt Baumgeister, Luftgeister, Flussgötter, Engel, Hexen, Zwerge, Kobolde, Zauberer, Nixen, Feen, Giganten, Sonnen-, Mond- und Sternengötter, Genien, Dämonen, Titanen, Heroen usw. In allem was existiert, lebt etwas Geistiges und Seelisches. Dem Menschen der Antike und dem Kind ist eines gemeinsam, beide staunen. Die Welt ist voller Geheimnisse und Wunder. In dieser Offenheit erfasst der Mensch sich selbst und seine Welt noch ganz intuitiv und poetisch. Und weil jeder Mensch in seiner Entwicklung diese frühere Stufe der Menschheit noch einmal durchläuft, ist der antike Mythos so aufschlussreich. Dieses frühe Selbstportrait und Weltbild des europäischen Menschen ist, wie wir sehen werden, von ganz grundsätzlicher Bedeutung. Ich werde den Mythos Stufe für Stufe wiedergeben, bezogen auf die Entwicklungsphasen des Bewusstseins deuten und auch einige Ergebnisse der modernen Hirnforschung hinzufügen:

Erste Stufe, das Chaos:

Vor jedem Anfang war das Chaos. Chaos bedeutet im Altgriechischen „gähnend leerer, grenzenloser Weltraum“. Am Anfang gibt es also nur den grenzenlosen Weltraum.

Zweite Stufe, Gäa und Uranos:

Daraus erheben sich Gäa, die Erde und Uranos, der Himmel. Die beiden umarmen sich jede Nacht und durch den Regen macht der Himmel die Erde fruchtbar, so dass Quellen, Flüsse, Meere und Alle Lebewesen entstehen. So entstehen auch die Titanen. Titan bedeutet „Fürst“. Die Titanen herrschen über bestimmte Teilbereiche der Welt, etwa über einzelne Kontinente, Sonne und Mond, die Zeit, die Meere und so weiter.

Dritte Stufe, der Tod des Uranos:

Irgendwann kommt es zu einem Streit zwischen Himmel und Erde und die Erde stiftet einen gemeinsamen Sohn, den Titanen Kronos dazu an, seinen Vater zu ermorden. Kronos kastriert seinen Vater Uranos mit einer Sichel aus Feuerstein. Dies führt zum Tod des Uranos. Nach dem Tod des Uranos wird Kronos zum Herrscher über die Welt. Er heiratet seine Schwester, die Erdtitanin Rhea, aber mit düsteren Vorahnungen. Gäa und der sterbende Uranos hatten ihm vorhergesagt, dass auch er durch eines seiner Kinder entmachtet werden würde. Also frisst Kronos vorsichtshalber alle Kinder, die Rhea ihm gebiert. Dies bedeutet, zumindest scheinbar und zunächst, das Ende der bisherigen Entwicklung. Kronos sorgt dafür, dass Alles bleibt wie es ist, in dem er seine eigenen Schöpfungen, also seine Kinder frisst.

Vierte Stufe, die Ausstrahlungen des Uranos:

Aber beim Tod des Uranos entstehen auch dessen Ausstrahlungen oder Emanationen, nämlich sieben Göttinnen. Wo das Blut des Uranos auf die Erde fällt entstehen die drei Furien oder Erinyen, die Furien oder Erinyen sind Rachegöttinnen. Auch die drei Eschennymphen oder Meliai entstehen dort, wo das Blut des Uranos zur Erde fällt. Die Eschennymphen oder Meliai sind Fruchtbarkeitsgöttinnen. Der Penis des Uranos wird ins Meer geworfen und aus dem Schaum, der dabei entsteht, wird Aphrodite geboren, die Göttin der Liebe und der Schönheit.

Der Schöpfungsmythos lässt sich wie folgt auf die Entwicklung des Bewusstseins übertragen:

Erste Stufe, das Chaos:

Zu Beginn ist das Bewusstsein wie das Chaos, wie der grenzenlose Weltraum. Es trägt noch Alle Möglichkeiten in sich und ist frei von Prägungen. Es ist grenzenlos offen und erfährt die Wirklichkeit ohne Vorurteil, ohne vorgefaßte Meinung. Es gibt keine Trennungen, keine festen Formen, weder Grenzen noch eine dauerhafte Ordnung. Die moderne Hirnforschung stellt fest: „Beim Neugeborenen sind die Nervenzellen wie ein gleichmäßiges, dichtes Netz verbunden, das Impulse in Alle Richtungen weiterleitet. Bis zum 2. Lebensjahr nimmt die Zahl dieser Verbindungen zu“ *1). Die Impulse werden anfangs noch in Alle Richtungen weitergeleitet. Das ist der entscheidende Punkt. In dieser Phase haben sich noch keine festen geistigen Gewohnheiten gebildet. Ein Sinneseindruck löst noch nicht zwangsläufig eine bestimmte Reihenfolge von fest gelegten Reaktionen aus. Die werden sich erst noch durch Wiederholungen und Gewohnheiten bilden. Und es existiert noch keine harte und grundsätzliche Trennung zwischen Innen und Außen. Nach einem zweiten Schöpfungsmythos entstand Alles aus dem Eros und ein dritter Mythos erzählt, dass alles aus dem Okeanos entstand, einem kosmischen Strom, der das Universum umfließt. Zusammengefasst liegen danach unsere Anfänge in einem erotischen, grenzenlosen, fließenden Zustand des Bewusstseins. Eros bedeutet im altgriechischen „Liebe, Verlangen, Begehren“. Die kindliche Neugier ist eine Mischung aus Intelligenz und Eros, das Kind ist gierig nach Neuem und nach Wissen, es lernt sehr schnell und mit Freude und sein Bewusstsein strömt noch frei in Alle Richtungen.

Zweite Stufe, Gäa und Uranos:

Dann bilden sich im Mythos zwei Pole, nämlich das kosmische Liebespaar Himmel und Erde. Dabei repräsentiert die Erde natürlich die irdische Wirklichkeit einschließlich des eigenen irdischen Körpers. Der Himmel repräsentiert das, was offener und weiter ist als die irdische Realität, nämlich das menschliche Bewusstsein. Mit anderen Worten, die Erde ist all das, was das Kind durch seinen physischen Leib und in der konkreten Realität erfährt. Und der Himmel symbolisiert das Bewusstsein des Kindes, seine Fähigkeit zur Erfahrung schlechthin. Diese Fähigkeit zur Erfahrung ist nach dem Mythos eine schöpferische Potenz. Es ist sehr bedeutsam, welche Bilder der Mythos für das Bewusstsein verwendet. Beide sind, als Chaos = Weltraum und als Uranos = Himmel, Symbole der Weite. Die Natur des Geistes ist wie der Raum. Zunächst ist der Geist wie der Weltraum. Später erscheint der Geist als Ausrichtung des weltraumartigen Bewusstseins auf die Erde. Denn der Himmel ist ja der Teil des Weltraums, der die irdische Realität umgibt. Dem entspricht die Ausrichtung des kindlichen Bewusstseins auf die irdische Wirklichkeit und auch auf den eigenen, irdischen Körper. Das Bewusstsein des Kindes und sein physischer Leib verbinden sich immer tiefer miteinander und laut Mythos ist der dem Irdischen zugewandte Aspekt des Bewusstseins schöpferisch. Der Mythos verwendet für die Entdeckung, bzw. die geistige Erschaffung der Welt durch das Bewusstsein ein erotisches Bild, die Umarmungen von Uranos und Gäa. Die Liebe zwischen Himmel und Erde bringt die Schöpfung hervor. Man kann sagen, dass mit der Bewusstseinsentwicklung eines jeden Kindes die Schöpfung noch einmal neu entsteht. Das Kind erforscht die irdische Wirklichkeit und erschafft sie zugleich in seinem eigenen Geist neu. Auch dazu kennt die moderne Gehirnforschung eine Parallele: „Mit dem Prozess des Lernens, der Häufung der Impulse in bestimmten Bahnen, bilden und verstärken sich Synapsen. Die weniger genutzten Verbindungen verkümmern. Je vielfältiger die Anregungen, desto komplexere Strukturen bilden sich.“ *2) Synapsen sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Die Häufung von Impulsen in immer wieder denselben Bahnen, die Wiederholung bestimmter Abläufe und Erfahrungen schafft verstärkte Verbindungen und damit stabile Strukturen im Gehirn. Diese Gehirnstrukturen bilden beim Erwachsenen die Basis seiner Wirklichkeitserfahrung. Da weniger genutzte Verbindungen verkümmern und später nicht mehr so einfach aktiviert werden können, ist es sinnvoll, Kindern reiche und vielfältige Anregungen zu bieten. Diese Phase ist voller Poesie, Freude und Abenteuer, aber irgendwann ist es mit der Potenz des schöpferischen Bewusstseins erst ein Mal vorbei.

Dritte Stufe, der Tod des Uranos:

Uranos, der Gott des Himmels, symbolisiert das schöpferische Bewusstsein mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Die Welt, die wir erfahren, erweitert und verwandelt sich noch ständig, weil sich unser Geist noch andauernd erweitert und verwandelt. Aber irgendwann ermordet Kronos seinen Vater Uranos indem er ihn kastriert und seinen Penis ins Meer wirft. Inhaltlich besteht eine enge Verwandtschaft zwischen den altgriechischen Worten „Kronos“ und „Chronos“. Kronos meint den Titanen Kronos und wurde auch mit dem Alter assoziiert. Als Kronion osis, – „wie Kronos riechend“ bezeichnete man Menschen mit überholten Ideen. Chronos bedeutet „Zeit“ in allen Varianten, als „Zeitalter, Lebensspanne, Zeitraum, Zeitpunkt, Jahrhundert“ etc. Chronos ist verwandt mit ghr-on-os was „Thron bedeutet. Eine weitere Bedeutung lautet „der alles beinhaltet und alles zerstört“. Ein „Thron“ lässt an eine Machtposition denken, an etwas Beherrschendes. Und tatsächlich ist für alle konkreten Erscheinungen die Zeit der alles beherrschende Faktor, der Faktor „der alles beinhaltet und alles zerstört“. Mit Kronos ist der Tod in die Welt gekommen, die Aktivität des Schöpferischen ist beendet, die Schöpfung ist abgeschlossen und wird von nun an durch die Zeit beherrscht. Die Erzählung ähnelt der Vertreibung aus dem Paradies, es ist eigentlich dieselbe Geschichte nur in anderen Bildern erzählt. Bezogen auf die Entwicklung des Bewusstseins bedeutet die Ermordung des Uranos auch den Moment, wo wir uns der Zeit, der Vergänglichkeit und damit auch der Sterblichkeit unseres irdischen Körpers bewusst werden. Die Begegnungen des schöpferischen Bewusstseins mit der irdischen Realität führen zur Erkenntnis der Vergänglichkeit. Es kommt zu einem Trauma – vielleicht erlebt das Kind eine Trennung, Krankheit, oder den Tod eines Menschen. Da die Identifikation des kindlichen Bewusstseins mit seinem irdischen Körper im Laufe der Entwicklung ständig zunimmt, kommt es irgendwann zu der Ansicht: „Ich bin sterblich!“ Der Schock des Eintritts in das Zeitliche und Irdische kann aber auch durch die Konfrontation mit der Härte kollektiver Vorstellungen entstehen. Das ist Kronos in der Gestalt von „wie Kronos riechenden“ Autoritäten. Der Kinder fressende Kronos erscheint auch in der Form lebensfeindlicher Vorstellungen und Traditionen und in ihren Vertretern, die natürlich alle „nur unser Bestes wollen“. Aber wir sollten ihnen unser Bestes, nämlich unser schöpferisches und grenzenloses Bewusstsein, niemals opfern, sondern unbedingt behalten. Der Schock des Eintritts ins Zeitliche geht mit einer Trennung vom schöpferischen Aspekt des Bewusstseins einher. Das Zeitliche tritt in den Vordergrund und die Potenz des vorzeitlichen, schöpferischen Bewusstseins tritt in den Hintergrund. Der Penis des Uranos wird ins Meer geworfen. Die Potenz des schöpferischen Bewusstseins verschwindet im Unterbewusstsein. Das Meer ist ja ein Symbol für das Unterbewusstsein. Wir erleben uns nicht mehr als die Schöpfer unserer Erfahrung. Später versuchen wir dann vielleicht durch Therapie, Sex, Drogen, Kunst oder Meditation in unser Unterbewusstsein ein zu tauchen, um die ursprüngliche schöpferische Potenz unseres himmelsgleichen Bewusstseins wieder freizulegen. Hier nochmals die einzelnen Entwicklungsschritte aus Sicht der Hirnforschung:

Erstens: „Beim Neugeborenen sind die Nervenzellen wie ein gleichmäßiges, dichtes Netz verbunden, das Impulse in Alle Richtungen weiterleitet. Bis zum 2. Lebensjahr nimmt die Zahl dieser Verbindungen zu“. Dem entspricht im Mythos die Phase des Chaos.

Zweitens: „Mit dem Prozess des Lernens, der Häufung der Impulse in bestimmten Bahnen, bilden und verstärken sich Synapsen. Die weniger genutzten Verbindungen verkümmern. Je vielfältiger die Anregungen, desto komplexere Strukturen bilden sich.“ Im Mythos ist das die Phase der Liebesbeziehung zwischen Uranos und Gäa.

Drittens: „Dem Erwachsenen steht zum Lernen weit gehend nur das bis dahin gebildete Netz zur Verfügung.“ *3) Dem entspricht im Mythos die Phase nach dem Tod des Uranos, nämlich die Herrschaft des Kronos. Jetzt ist es mit den schöpferischen Möglichkeiten erst mal weit gehend vorbei. Was vorher nicht durch vielfältige Anregungen an Kreativität und Intelligenz entwickelt wurde, ist nicht mehr so leicht zu erwerben. Aber weder der Mythos noch die Hirnforschung sagen, dass nun Alle Möglichkeiten erschöpft sind. Und der Mythos sagt uns glücklicherweise auch, wie der schöpferische Uranos in unserem Sein und Bewusstsein weiterwirken kann:

Das ist die vierte Stufe im Mythos, in der die Ausstrahlungen des Uranos auftauchen:

Beim Tod des Uranos entstehen sieben neue weibliche Gottheiten und diese sind natürlich lauter verschiedene Aspekte und Erscheinungen des Uranos. Wo das Blut des Uranos auf die Erde fällt entstehen die drei Furien oder Erinyen, sie sind Rachegöttinnen. Sie bestrafen Vatermörder und Eidbrüchige, sie treiben sie in den Wahnsinn. Erinis bedeutet „den Geist stören“. Bei Rachegöttinnen denken wir nicht unbedingt an etwas besonders Erfreuliches. Aber es handelt sich dennoch um ein ganz positives Symbol. Versuchen wir zu verstehen, welche Bedeutung die Furien oder Erinyen haben. Dass die Erinyen Vatermörder bestrafen, ist nur logisch, genauer mytho-logisch. Sind sie doch entstanden, als Kronos seinen Vater Uranos ermordet hat. Aber warum bestrafen sie auch die Eidbrüchigen?

Der Name „Uranos“ entstand aus Sanskrit varuna-h. Der indogermanische Varuna war der Vorläufer des Uranos und galt als „Gott des Nachthimmels“ und als „Gott der Eide“. Ein Eid ist eine feierliche Wahrheitsversicherung unter Anrufung Gottes und die Indogermanen haben bei ihren Eiden danach Varuna, den späteren Uranos angerufen. Unter Anrufung des Varuna, des späteren Uranos einen Meineid zu schwören, muss damals als Gotteslästerung gegolten haben. Die Erinyen rächen, wenn sie die Eidbrüchigen bestrafen, also auch ein Vergehen gegen den Uranos, genau so, wie wenn sie die Vatermörder bestrafen, die alle auf Kronos, den Mörder des Uranos zurückgehen. Im übertragenen Sinne können wir den Vatermord des Kronos auch als einen Akt der Untreue sich selbst gegenüber verstehen. Er zerstört die Wirklichkeit, aus der er selbst entstand. Er zerstört den eigenen Ursprung und wird dadurch letztlich sich selbst in der schrecklichsten nur denkbaren Weise untreu. So gesehen geht es den Erinyen um Wahrhaftigkeit und die Treue uns selbst gegenüber. Solange wir wahrhaftig und uns selbst treu bleiben, lassen uns die Erinyen in Ruhe. Wenn nicht, beginnen sie unseren Geist zu stören. Sie stehen also für unsere Integrität, für die Wahrheit und Ursprünglichkeit unserer Individualität. Wenn wir die nicht bewahren, ist unser Geist sowieso gestört. Da braucht es dann schon gar keine Rachegöttinnen mehr. Aber solange wir uns selbst gegenüber wahrhaftig und treu sind, sind wir auch mit den Kräften des schöpferischen Uranos und seinen Möglichkeiten in uns verbunden.

Dann gibt es noch ein zweites Trio von Göttinnen, durch die der Uranos weiter wirkt, nämlich die Eschennymphen oder Meliai. Auch sie entstehen dort, wo das Blut des himmlischen Uranos auf die Erde fällt. Miliades bedeutet „frei laufende kleine Tiere, Ziegen, Schafe“, Milon bedeutet „Baumobst, Zitronen, Äpfel, Pfirsiche“ und Mila bedeutet „die Brüste junger Mädchen“. Es geht um das Wachstum und die Fruchtbarkeit im Reich der Tiere, Pflanzen und Menschen, die Symbolik hat erotische Aspekte. Die Meliai sind Natur-, Wachstums- und Fruchtbarkeitsgottheiten. Eschen wachsen sehr rasch und sind so ein geeignetes Symbol für Wachstum, vermutlich nennt man die Meliai deshalb auch Eschennymphen. Die Ausstrahlung des schöpferischen Uranos kommt danach auch in der Fruchtbarkeit und im Wachstum der lebendigen Natur zur Wirkung. Das Bild ist vollkommen klar, ohne das Schöpferische gibt es keine Schöpfung und keine Natur und auch wir Menschen sind Natur.

Der Penis des Uranos wird ins Meer geworfen und aus dem Schaum, der dabei entsteht, wird Aphrodite geboren. Aphrodite bedeutet „aus Meerschaum geboren“, sie ist die Göttin der Liebe und der Schönheit. Sie ist die bekannteste, schönste und bedeutendste der sieben göttlichen Erscheinungsformen des Uranos. Nach dem Mythos trägt sie einen magischen Gürtel, mit dem sie nicht nur jeden Menschen, sondern auch All die unsterblichen Götter des Olymps in ihren Bann ziehen kann. Liebe und Schönheit sind danach die wichtigsten und machtvollsten Ausstrahlungen des schöpferischen Uranos.

Die Erfahrung, dass die Liebe die bedeutendste und machtvollste Erscheinung des Himmlischen und Schöpferischen ist, spiegelt sich in vielen Mythen und Religionen. Im Lauf der Entwicklung wandeln sich die symbolischen Bilder für diese Erfahrung. Aphrodite tritt unverhüllt und in aller Schönheit als Göttin der erotischen Liebe in Erscheinung. Die ägyptische Isis überwindet durch Mitgefühl, Liebe, Friedfertigkeit und Treue den Tod. Sie erweckt ihren Gatten Osiris wieder zum Leben, der durch seinen dunklen Widersacher Seth ermordet und zerstückelt worden war. Später bittet sie den gemeinsamen Sohn Horus, der seinen Vater rächen will, sogar das Leben des Seth zu schonen. Der Sänger Orpheus überwindet die Schwelle zur Unterwelt. Er geht ins Reich der Toten, um seine Geliebte Eurydike ins Leben zurück zu holen und scheitert erst im letzten Moment. Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, überwindet die Hölle und den Tod. Die Bilder wandeln sich. Aber die zentrale Bedeutung der Liebe bleibt erhalten.

Auch die Hirnforschung stellt fest, dass die Liebe eine ganz besonders machtvolle Emotion ist. Man gab in einem Experiment Menschen, die verliebt waren, ein Foto ihres Geliebten zur Ansicht und legte sie dann in einen Kernspintomografen. Dieses Gerät macht sichtbar, welche Teile des Gehirns aktiviert und welche deaktiviert sind. Aktiviert wurden Hirnbereiche, die beim Erkennen von Gefühlen, bei der Integration von sinnlichen Eindrücken und bei sexueller Erregung aktiv sind. Deaktiviert wurden die Zonen im Gehirn, die bei Emotionen wie Angst, Trauer, Depression und Aggression, und bei der kritischen Bewertung anderer Menschen aktiv sind. Das Experiment wurde mit Müttern wiederholt, die Bilder ihrer Kinder betrachteten. Auch hier wurden die Bereiche deaktiviert, die bei Angst, Trauer, Depression, Aggression und der kritischen Bewertung anderer Menschen aktiv sind. *4) Angst, Trauer und Depression und die kritische Bewertung von anderen Menschen werden in der Astrologie dem Saturn zugeordnet. Der Planet Saturn wurde schon in der Antike mit dem Titanen Kronos assoziiert. Die Liebe, die Göttin Aphrodite, überwindet also die Wirkungen des Kronos, im Mythos wie auch nach der Sicht der modernen Hirnforschung.

ZUSAMMENFASSUNG Am Anfang herrscht analog Chaos, Okeanos und Eros ein grenzenloser, fließender, liebevoller Zustand, das Urvertrauen. Wir befinden uns in einem Zustand, in dem das Bewusstsein und seine Erfahrungen einen einheitlichen Zusammenhang bilden, der als umfassende Verbundenheit erfahren wird. Das SELBST als Ganzheit des Bewusstseins und seiner Erfahrungen ist noch ungeteilt. Neurologisch entspricht dem die völlige Offenheit des Netzes der Nervenzellen im Hirn. Astrologisch entsprechen dem das Zeichen der Fische und der Planet Neptun.

Dann tauchen der schöpferische Himmel und die empfängliche Erde auf, deren Liebesspiel die Schöpfung in Gang bringt. Seelisch-geistig ist dies die Neuschöpfung der Wirklichkeit im Bewusstsein eines jeden Menschen, die entsteht, während wir uns als Kinder und Jugendliche die Welt zugänglich machen und uns ein individuelles, geistiges Modell von uns selbst und der Welt erschaffen. Auch hier ist das SELBST als Modus der Erfahrung noch zugänglich, aber es bilden sich zunehmend geistige Unterscheidungen und damit Trennungen heraus. Neurologisch entspricht dem die Bildung eines wachsenden Netzes von festen Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Hirn. Astrologisch entsprechen dem das Zeichen Stier für Gäa und das Zeichen Wassermann und der Planet Uranus für den Uranos.

Mit dem Tod des Uranos endet die Aktivität des Schöpferischen. Das Schöpferische tritt in den Hintergrund und die Schöpfung in der Gestalt ihrer vergänglichen, begrenzten Erscheinungsformen tritt in den Vordergrund des Erlebens. Schöpfer und Schöpfung trennen sich. Dem entsprechen das Urtrauma der Aufspaltung des SELBST in Subjekt und Objekt und die Entstehung des Egos. Die Entstehung des Egos ist exakt dasselbe wie die Entstehung der Trennung von Subjekt und Objekt. Das Ego ist der Subjekt-Aspekt des SELBST, der sich als getrennt vom Objekt-Aspekt des SELBST erlebt. Neurologisch entspricht dem die Verfestigung des Netzwerks im Gehirn. Mythologisch entsprechen dem der Mord des Kronos an seinem Vater und die spätere Alleinherrschaft des Kronos. Die astrologischen Entsprechungen sind das Zeichen Steinbock und der Planet Saturn.

In diesem nun relativ begrenzten Zustand bestehen immer noch Entwicklungsmöglichkeiten: Erstens durch persönliche Integrität, durch Treue zu sich selbst, symbolisiert in den Furien oder Erinyen; zweitens durch Natürlichkeit, Lebensfreude und Wachstum, symbolisiert in den Meliai oder Eschennymphen und drittens durch Schönheit und Liebe, symbolisiert in der Göttin Aphrodite. Schönheit und Liebe verbinden Subjekt und Objekt, sie heben die illusionäre Trennung von Subjekt und Objekt auf. Neurologisch gesehen dürften die sieben Emanationen des Uranos wohl Alle zu einer sinnvollen Evolution des neuronalen Netzes im Gehirn beitragen. Wenn wir uns selbst treu bleiben, entwickeln und verstärken wir die neuronalen Muster, die unserer Eigenart und unserem Ursprung gemäß sind. Dem entsprechen die Erinyen. Wenn wir uns natürlich, mit Freude an unserem individuellen Wachstum entfalten, verstärken wir die neuronalen Muster, die uns mit der Schöpfung und der Natur verbinden. Dem entsprechen die Meliai. Wenn wir Liebe oder Schönheit erfahren, „sehen wir die Welt ganz anders“. Also lässt sich vermuten, dass dadurch sehr viele neue Synapsen gebildet werden. Dem entspricht die Göttin Aphrodite, astrologisch entspricht Aphrodite dem Zeichen der Waage und dem Planeten Venus.

PS: Dies war nur der Anfang, denn der Schöpfungsmythos ist nur die Vorgeschichte zum Mythos von den unsterblichen Göttern des Olymps. Am Ende des Schöpfungsmythos tritt uns die Gestalt des Kronos, die Zeit, als Herrscher über die Schöpfung entgegen, die ihre eigenen Kinder frisst und so dafür sorgt, dass Alles bleibt, wie es ist. Aber ein Kind der Zeit, nämlich die Erkenntnis, überwindet die Zeit. Das Prinzip der Erkenntnis tritt uns im Mythos in der Gestalt des Zeus entgegen, der seinen Vater Kronos überwindet und seine Geschwister, die zukünftigen unsterblichen Götter des Olymps befreit.

PPS: Zitat: „Die Intuitionen, die im antiken Mythos zu poetischen Bildern wurden, sind so tief und so essentiell, dass man ihre Bedeutung auf mehreren Ebenen lesen kann.“ Zitat Ende.

*1) Zitiert aus Spiegel Spezial 4/2003 „Die Entschlüsselung des Gehirns“ aus dem Artikel „Jeden Tag ein Universum“ von Katja Thimm *2), *3) ebenda.
*4) Siehe den Artikel „Verliebte sind mutig und sanft“ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ 3/2003 von Andreas Bartel und Semir Zeki

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