Mrz 232013
 

Ein Portrait des Saturns

Vorbemerkung: Dieser Text entstand auch angeregt durch die Begegnung mit einem Alchemisten. Der Begriff „Rubedo“ kennzeichnet das Ziel vieler alchemistischer Transformationsprozesse. Der Begriff „metaastrologisch“ bezieht sich auf eine astrologische Entdeckung, die mir 1995 gelang, mehr dazu finden Sie unter „Die Entdeckung der Metaastrologie“.

Etymologie zu Saturn/Kronos

Saturn wurde in der griechischen Antike Kronos genant und mit dem Titanen Kronos, einem Sohn von Uranos (Himmel) und Gäa (Erde) assoziiert. Es gibt zwei altgriechische Begriffe, die mit Kronos in Beziehung stehen, kronos und chronos. Kronos, gesprochen mit Betonung der ersten Silbe, meint den Titanen Kronos, und wurde auch mit „Alter“ assoziiert: kronoliron bedeutet alte Männer, die versuchen, sich wie junge Männer zu verhalten, als kronion osis, „wie Kronos riechend“, bezeichnete man Menschen mit altmodischen, überholten Ideen. Chronos, gesprochen mit „ch“ und Betonung der ersten Silbe, bedeutet „Zeit“ in allen Varianten: „Zeitalter, Lebensspanne, Zeitraum, Zeitpunkt, Jahrhundert, Jahr“ etc. Chronos ist verwandt mit iapendisch ghr-on-os was „Thron“ bedeutet, was daran erinnert, dass die Zeit die gesamte Wirklichkeit beherrscht. Kronos gilt im Mythos als absoluter Herrscher, bis Zeus ihn überwindet. Ghr-on-os ist auch verwandt mit iapendisch gehr – „ich greife, ich packe“ und chronos bedeutet auch „der alles beinhaltet und alles zerstört“. Hier liegt die Verbindung von chronos im Sinne von „Zeit“ zum Titanen Kronos, der seine Kinder verschlingt. Die Begriffe kronos und chronos sind also sehr eng verknüpft, ähnlich wie im Deutschen “Alter” und “Zeit”.

Dass die Zeit „alles beinhaltet und alles zerstört“ erinnert, wie vieles andere im Mythos an die indische Kultur, die wie die griechische von indoarischen Kulten mit geformt wurde. Indische Gottheiten der Zeit, etwa die Göttin Kali („Zeit“) oder der Gott Mahakala („Große Zeit“), werden als verschlingende Gottheiten mit großen Fangzähnen und langer Zunge, meist schwarz oder dunkelblau dargestellt. Passend dazu gilt Schwarz in der klassischen Astrologie und Dunkelblau in der Münchener Rhythmenlehre von Wolfgang Döbereiner als die Farbe des Saturns.

Saturn aus mythologischer Sicht

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zwei Mythen gibt, in denen Kronos auftaucht. Im Mythos von den fünf Zeitaltern der Menschheit lebt die erste, die „Goldene Rasse“ unter der Herrschaft des Kronos, alles ist wunderbar: Die Menschen leben ohne Arbeit und Sorge, sie tanzen und lachen viel, sie leben von Früchten, Honig usw. und sie altern nicht. Aber dennoch sind diese Glücklichen merkwürdigerweise nicht mehr unter uns. Dann kommt die „Silberne Rasse“. Da geht es allen schon schlechter, aber immerhin hören dort selbst hundertjährige Männer noch ganz brav auf ihre Frau Mama. Ist das nicht wunderschön? Da lässt wohl das Mama-Triarchat grüßen. Das Silber entspricht nämlich dem Mond und dieser der Mama. Dann kommt die „Bronzene Rasse“ usw. Sie ahnen wohl schon, wie es weiter geht. Wir leben heute natürlich im fünften, dem schlimmsten aller Zeitalter, wir sind die „Eiserne Rasse“ und total entartet, unzüchtig, verräterisch etc.

Das ist eine Erzählung nach dem Leitmotiv: „Früher war alles schöner, größer und breiter“, wie sie auch heute noch gerne erzählt wird, vor allem ab der Midlifecrisis. Solche Geschichten entspringen einer menschlichen Seelenhaltung (Mond) gegenüber der Zeit (Kronos/Saturn), nämlich der Nostalgie und insofern haben sie schon etwas mit dem Kronos zu tun. Ansonsten erscheint mir die Geschichte nicht besonders erhellend. Vielleicht enthält sie aber Hinweise auf sehr frühe Phasen der Menschheit, die in unserer Geschichtsschreibung nicht erwähnt werden, oder sie spiegelt letztlich die Sehnsucht nach dem präschöpferischen Urzustand wider. Immerhin ist diese alte Geschichte sehr viel schöner, als die meisten heutigen Geschichten dieser Art. Nostalgie ist heute eben leider auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Im olympischen Mythos markiert Kronos den Übergang von der vorzeitlichen zur nachzeitlichen Ordnung. Zunächst ein knapper Rückblick auf den Anfang des Mythos: Am Anfang, oder besser, noch vor jedem Anfang gibt es nur das Chaos, den „gähnend leeren Weltraum“. Daraus entstehen Gäa und Uranos, Erde und Himmel und bringen durch ihr kosmisches Liebesspiel alle Lebewesen hervor. Darunter sind auch zwölf Paare von Titanen. Titan bedeutet „Fürst“. Die Titanen herrschen über Teilaspekte der Wirklichkeit, etwa über die Gewässer, oder einzelne Erdteile, wie Asien usw. Es kommt zu einem Konflikt zwischen Gäa und Uranos. Gäa stiftet den Titanen Kronos an, seinen Vater Uranos mit einer Sichel aus Feuerstein zu kastrieren. Dies führt zum Tod des Uranos und zugleich zur Entstehung von dessen sieben Emanationen oder Ausstrahlungen, als da sind die Göttin der Liebe und Schönheit Aphrodite, die drei Furien und die drei Eschennymphen. Nach dem Mord an seinem Vater heiratet Kronos seine Schwester, die Erdtitanin Rhea, aber mit düsteren Vorahnungen. Denn Gäa und der sterbende Uranos hatten ihm vorher gesagt, dass auch er eines Tages durch eines seiner Kinder entmachtet werden würde. Deshalb frisst Kronos vorsichtshalber alle Kinder, die seine Frau Rhea ihm gebiert. Das Ganze der Schöpfung, als ein bereits vorhandener Bestand, dauert zwar an. Aber jede zusätzliche Entwicklung und Erweiterung der Schöpfung wird durch Kronos blockiert, in dem er seine eigenen Kinder frisst. Damit ist im „Bauch des Kronos“ die weitere Entwicklung, als etwas Statisches und wie noch nicht wirklich geboren, enthalten.

Man könnte sich vorstellen, dass Kronos als Mörder seines Vaters Uranos, Schuldgefühle hat. Vielleicht sorgt er deshalb mit unerbittlicher Strenge dafür, dass die Gesetze der Schöpfung des Uranos erhalten bleiben, nach dem Motto. „Wenn ich schon meinen Vater ermordet habe, sollte ich wenigstens dafür sorgen, dass dessen Schöpfung geordnet und erhalten bleibt“. Dies scheint, nebenbei bemerkt, das Credo vieler traditioneller staatlicher und religiöser Institutionen zu sein, – Institutionen werden mit Kronos assoziiert. Jedenfalls entwickelt Kronos die zwanghafte Gewohnheit, die eigenen Kinder zu fressen, damit alles beim Alten bleibt. Das wird eine regelrechte Tradition im gemeinsamen Haushalt der Erdtitanin Rhea und des Kronos.

Die Ehe von Kronos (Zeit) mit der Erdtitanin Rhea bedeutet in einer Kultur, die ganz von der Natur abhängig ist, vermutlich vor allem auch die Jahreszeiten, als eine das gesamte irdische Dasein bestimmende Wirklichkeit. Kronos ist unmittelbar mit dem Irdischen verbunden. Die Etymologie der Namen von vier Göttinnen, die eng mit Kronos verwandt sind, macht dies deutlich:

Etymologie zu Gäa, Rhea, Demeter und Kore

Gäa, die Erde, ist die Mutter des Kronos. Gäa wird „Jea“ gesprochen und bedeutet „Land, Erde, Boden“. Aus jithion „kleines Stück Land“, daraus jiynos „vom Planeten Erde kommend, Erdling“. Rhea, die Erdtitanin, ist die Schwester und Ehefrau des Kronos. Rhea entstand vermutlich durch Umstellung von era, was ebenfalls „Erde“ bedeutet. Demeter, die Göttin des Ackerbaus ist eine Tochter von Kronos. Demeter, gesprochen „Thimitra“ ergibt sich aus thi „jetzt, bis jetzt, schon“, und mitir „Mutter, Gebärende, Ernährerin, zur Herde gehörend“. Mitir und mitra „Gebärmutter“ sind verwand mit sanskrit matar „Mutter“. Kore, die Frühlingsgöttin, ist eine Enkelin des Kronos und Tochter der Demeter. In den dunklen Monaten lebt sie in der Unterwelt und taucht mit dem Wachstum der Pflanzen im Frühling wieder an der Erdoberfläche auf. Sie ist also eine Göttin der Jahreszeiten. Kore wird „Kori“ gesprochen mit Akzent auf der ersten Silbe, bedeutet „Jungfrau, kleines Mädchen, frisch verheiratete Frau, Tochter“. Kronos symbolisiert durch seine unmittelbaren familiären Bindungen an diese vier weiblichen Gottheiten, die Zeit in ihrer Verbindung mit dem Irdischen. Er symbolisiert aber noch mehr als das, – damit zurück zu seinem Mythos:

Eines Tages, als ihr das sechste Kind, ein Sohn namens Zeus geboren wird, hat Rhea, die Frau des Kronos die Nase endgültig gestrichen voll, und beschließt: „Mein fünftes Kind war das letzte Kind, das mein Göttergatte Kronos gefressen hat!“ Zu dem Zeitpunkt befinden sich im Bauch des Kronos fünf zukünftige Gottheiten: Hestia, Göttin des Herdfeuers und des häuslichen Friedens, Hera, Göttin der Ehefrauen, Demeter, Göttin des Ackerbaus, Pluto, der zukünftige Herrscher der Unterwelt, und Poseidon, der zukünftige Herrscher über die Meere. Kronos, der seine eigenen Kinder frisst, ist hier natürlich Kronos im Sinne von chronos „der alles beinhaltet und alles zerstört“. Dies erinnert an das „Rad der Zeit“ im asiatischen Kulturkreis, an den endlosen Kreislauf von Geburt, Krankheit, Alter, Tod und Wiedergeburt, an die quälende Abfolge von Ereignissen, die uns nur eines zu zeigen scheinen: Nämlich dass alles Irdische der Zeit unterworfen und deshalb vergänglich und enttäuschend ist. Aber der dritte Sohn Zeus, der astrologisch das Prinzip der Erkenntnis symbolisiert, wird seine Geschwister befreien und seinen Vater Kronos überwinden. Und dabei zeigt sich, dass in Zeus und seinen Geschwistern Wirklichkeiten zu Gestalten werden, die im Mythos schon vor der Geburt des Kronos auftauchen. Diese vorzeitlichen Wirklichkeiten leben in Zeus und seinen Schwestern und Brüdern wieder auf, wenn auch in anderer Gestalt.

So ist Kronos der Übergang von der vorzeitlichen Ordnung zur darauf folgenden Herrschaft der Zeit und der anderen Titanen. Und zugleich ist er auch der Vater der Gestalten, die später eine neue göttliche Ordnung begründen werden, nämlich der Vater einiger der unsterblichen Götter des Olymps. Und diese müssen, als „Unsterbliche“ ja dem Zeitlosen zumindest verwandt sein. Das heißt, das Zeitlose, das schon vor Kronos (Zeit) war, taucht in und durch Kronos wieder auf, wenn auch in anderen, vielfältigeren Gestalten. In der Astrologie gilt Kronos in Gestalt des Saturns als „Hüter der Schwelle“ zwischen dem Unsichtbarem und dem Sichtbaren, als Hüter der Schwelle zwischen dem Zeitlosen und der irdischen Zeit.

Saturn aus metaastrologischer Sicht

Das Potential des Saturns umfasst die physische Wirklichkeit, die Lebewesen und deren Lebensbedingungen als etwas, das bereits vorhanden ist. Kurz: „die Welt ist schon da“. Das muss ja so sein, weil Uranos und Gäa zuvor aus dem Chaos vor der Schöpfung hervorgegangen sind und die Lebewesen erschaffen haben. Also ist das Potential, das Saturn zu gestalten hat, die schon bestehende Welt, mit all ihren Lebewesen und Lebensbedingungen. Saturn gestaltet die konkreten Erscheinungen, indem er ihnen Bedeutung und Balance gibt. Er ist ein Prinzip, in der Alle Erscheinungen enthalten sind, und das unmittelbar in die Lebensbedingungen der Lebewesen hinein wirkt. Die irdischen Erscheinungen, die Lebewesen und deren Bedingungen, richten sich nach dieser Struktur aus. Sie passen sich an das Prinzip des Saturns an. Wir können uns die Aktivität des Saturns also als ein Prinzip denken, das die Welt der konkreten Erscheinungen in sich enthält und in diese hinein wirkt. Zugleich richten sich realen Erscheinungen an diesem Prinzip aus, sie passen sich an. Wenn die Wirkung eines Prinzips auf die realen Bedingungen dazu führt, dass sich die realen Bedingungen an dieses Prinzip anpassen, dann muss es sich um eine sehr machtvolle Ordnungskraft handeln. Tatsächlich steht Saturn generell für Ordnungsvorgänge. Zur Illustration:

Man stelle sich vor, ein Bildhauer hat einen Felsbrocken vor sich. Jetzt haut der Bildhauer als erstes einen möglichst großen Würfel aus dem Felsbrocken heraus. Und aus den Reststücken haut er auch wieder Würfel heraus, kleinere natürlich. Und die Reststücke, die dabei abfallen, behaut er wieder nach demselben Prinzip. Und so macht er immer weiter. Bis schließlich das ganze Material, aus dem der Felsbrocken ursprünglich bestanden hat, bis zur Größe eines Sandkorns, die Form von Würfeln hat. Soweit diese Metapher zur Wirkung des Saturn.

Der Saturn durchdringt die gesamte Erscheinungswelt im Sinne eines abstrakten Prinzips und die Erscheinungswelt passt sich an dieses Prinzip an, indem sie sich im Sinne dieses Prinzips „verbraucht“. Dieses Prinzip, das die gesamte Erscheinungswelt enthält, durchdringt und „verbraucht“ ist natürlich die Zeit. Die einzelnen Phänomene der gesamten Erscheinungswelt entstehen, verdichten sich und vergehen wieder. Aber der Saturn, die Zeit, dauert an: „Die ununterbrochene Fortdauer des Ganzen aber gehört dem Saturn an“ schreibt Agrippa von Nettesheim (*14.9.1486 in Köln – +1535 in Grenoble). Da die Erscheinungswelt nicht nur von der Zeit durchdrungen wird, sondern auch als Ganzes in der Zeit enthalten ist, befindet sich die gesamte Erscheinungswelt, wenn man so möchte „im Bauch des Kronos“, im Bauch der Gottheit, die „Alles enthält und alles zerstört“. Saturn betrifft damit Alle Erscheinungen und Lebewesen. Er symbolisiert als die Zeit und die Vergänglichkeit das „Allgemeingültige“ schlechthin und deshalb auch das Gemeinschaftsprinzip. Denn er ist ja das Prinzip, das die Gemeinschaft aller Lebewesen beherrscht. Manchen Astrologen gilt der Saturn deshalb auch als das „Realitätsprinzip“.

Die so genannte „Realität“, um das Mal kurz ein zu flechten, ist natürlich nicht die gesamte und einzige Wirklichkeit, sondern immer nur der jeweilige Ausschnitt aus der Wirklichkeit, der im Kollektiv als gültig angesehen wird. Wodurch wird eigentlich bestimmt, welchen Ausschnitt der grenzenlosen, schöpferischen Wirklichkeit wir als gültig anerkennen? Durch unsere Glaubenssysteme! In der Dimension des Saturns wird das wirklich, woran das jeweilige Kollektiv glaubt! Nach der tibetischen Kosmologie, wo der Kronos übrigens Mahakala (Große Zeit) heißt, träumen wir Alle gemeinsam die Welt. „Wir Alle“ umfasst in dieser Sicht auch Götter, Halbgötter, Geister, Tiere, Pflanzen usw. Nach metaastrologischer Sicht symbolisiert Saturn kollektive und öffentliche Vorstellungen und deren Wirkung auf die konkrete Erscheinungswelt.

Wir halten fest, dass der Saturn ein kollektives Prinzip ist und das Kollektive und die Ordnungsstrukturen von Kollektiven repräsentiert. Und je mehr Mitglieder ein Kollektiv innerhalb eines begrenzten Raumes hat, je mehr es zur Verdichtung kommt, umso mehr kommt der Saturn zur Wirkung. Das ist leicht erklärt. Ein kleines Kollektiv, wie z.B. ein Stamm von Nomaden, der durch das tibetische Hochland zieht, braucht nur wenige Regeln und Gesetze. Ein großes Kollektiv auf engem Raum, wie die Bürgerschaft der Stadt New York braucht sehr viel mehr Regeln und Gesetze, um das Leben im Kollektiv zu organisieren.

Neben dem Prinzip des Kollektiven symbolisiert der Saturn auch das Prinzip der Ordnung und Balance. Zunächst gilt die „Verdauung der Erscheinungen durch den Kronos“ als das primäre Gesetz, dem Alles konkret Existierende unterliegt. Klar, Kronos/Saturn, die Zeit ist eine verschlingende Gottheit. Aber im Kontext dieser übergeordneten Bedingung, also im Rahmen der Zeit, kommt es immer wieder zu Ausgleichsbewegungen und zur Balance. Die Balance und Harmonie innerhalb der Erscheinungen ergibt sich aus den Erscheinungen und deren Bedeutung von selbst. Wir haben es hier mit sich selbst steuernden Regulierungs-, Anpassungs- und Ausgleichsvorgängen zu tun, in denen sich auch harmonische und ästhetische Prinzipien widerspiegeln und im weiteren auch die wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Erscheinungen voneinander. Innerhalb der Zeit, den Naturgesetzen, religiösen, kulturellen, juristischen und politischen Normen etc. besteht Raum für sich selbst regulierende Steuerungs- und Ausgleichsvorgänge. Dies erinnert an die sich selbst bestimmenden Organisationsvorgänge, die von der Chaosforschung untersucht und dargestellt werden. Die Schönheit und Harmonie dieser Vorgänge an den Grenzen zwischen Chaos und Ordnung zeigt die ästhetische Facette des Saturns. Dieser Aspekt des Saturn wird auch überall dort erkennbar, wo sich Naturgesetze, Maße, Maßsysteme und Schönheit mit einander verbinden, – siehe etwa „Die Kraft der Grenzen“ von György Doczi oder auch „ Die kosmische Oktave“ von Cousto.

Die Kräfte des Ozeanischen und Grenzenlosen, die mythologisch und astrologisch gesehen den Hintergrund des Saturn bilden, werden durch den Saturn geformt und koordiniert und in konkrete Wahrnehmungen und irdische Bedingungen überführt. Dem entspricht im Mythos die Entwicklung vom Chaos über die Schöpfung hin zur konkreten Erscheinungswelt. Saturn entspricht dem astrologischen Zeichen des Steinbocks. Dieses Zeichen wurde früher als „Ziegenfisch“ bezeichnet und als Doppelwesen dargestellt. Kopf, Brust und Vorderläufe gleichen dem Körper eines Ziegenbocks, der Hinterleib besteht aus einem gewundenen Fischschwanz, ähnlich wie bei einer Meerjungfrau. Die Etymologie gibt eine überraschende und sehr interessante Erklärung dazu:

Etymologie zum Steinbock

Steinbock heißt auf Altgriechisch egokeros. Egokeros entstand aus eks, „Ziegenbock“ und keras, „Horn“ und bedeutet „der gehörnte Ziegenbock“. Eks entstand aus aramäisch aic und sanskrit agas, die beide „Ziegenbock“ bedeuten. Aus aic entstand auch ejialos. Ejialos bedeutet „der Ort, wo Meer und Land zusammen kommen“. Diese Bedeutung entstand aus der Beobachtung des weißen Schaums auf den Brandungswellen. Die Brandung wurde mit Ziegenböcken assoziiert, weil der weiße Schaum an ihr Fell und die Wucht der Wellen an ihre Kraft erinnerte. Der Plural ejes bedeutet sowohl „Ziegenböcke“ als auch „starke Wellen“. Daraus hat sich das Bild des Ziegenfischs ergeben: vorne Ziegenbock, für ejes mit der Bedeutung „Ziegenböcke“, hinten der Schwanz eines Fisches, für ejes im Sinne von „starke Wellen“. Der Ziegenfisch zeigt vom Hinterleib zum Kopf eine Entwicklung vom Wasser- zum Landtier. Und ejialos bedeutet „der Ort, wo Meer und Land zusammen kommen.“ Zurück zum Saturn:

Saturn formt unsere Anteile am ozeanischen Bewusstsein zu Brandungswellen, die an das Ufer unseres individuellen Bewusstseins schlagen und dieses Ufer formen. Für den Einzelnen bedeutet dies, dass der Saturn dessen Anteil am Transzendenten und dessen vorbewusste Inhalte konkretisiert, verdichtet und dann als „Bestimmung“ bzw. „Schicksal“ zu realen Lebensbedingungen formt. Übertragen auf die Idee der Reinkarnation bedeutet dies, dass Saturn die subtilen Inhalte und Kräfte, die man aus früheren Inkarnationen mitbringt, formt und zu konkreten Lebensbedingungen und Wahrnehmungen verwandelt. Der Begründer des tibetischen Buddhismus, Padmasambhava soll in diesem Sinne einmal gesagt haben: „Wenn Du wissen willst, was Du in Deinem letzten Leben getan hast, dann schau dir Deine heutigen Lebensbedingungen an. Wenn Du wissen willst, wie Dein zukünftiges Leben aussehen wird, schau Dir Deine heutigen Taten an.“ Aus Sicht der metaastrologischen Planetenbilder tendiert der Saturn zu Schuldgefühlen bezogen auf den Uranus. Kann man sich vorstellen bei der Vorgeschichte. Wie eingangs schon einmal formuliert: – Vielleicht sorgt er (Saturn/Kronos) deshalb mit unerbittlicher Strenge dafür, dass die Gesetze der einmal gegebenen Schöpfung des Uranos erhalten bleiben, nach dem Motto. „Wenn ich schon meinen Vater ermordet habe, sollte ich wenigstens dafür sorgen, dass dessen Schöpfung als ein Bestand bereits gegebener Bedingungen geordnet wird und erhalten bleibt“. –

Institutionen und Traditionen werden als kollektive Ordnungsstrukturen seit jeher dem Saturn zu geordnet, und es scheint, dass sich diese zu ihren schöpferischen Begründern genau so verhalten, wie Kronos zu Uranos. Uranos findet, wenn er seine Schöpfung in die Wirklichkeit entlässt, in Kronos deren Verwalter. Und gerade dadurch, dass Kronos als der jeweilige Verwalter einer Schöpfung sich bemüht, dafür zu sorgen, dass „alles beim Alten bleibt“, wird das Schöpferische, das ja seiner ganzen Natur nach dynamisch ist, seiner schöpferischen Potenz beraubt. Im Mythos ist das die Kastration des Uranos durch Kronos.

In der irdischen Zeit des Saturns gibt es keine völlig autonomen Wirklichkeiten. Es gilt die Herrschaft der Zeit über alles und in den Beziehungen der einzelnen Erscheinungen untereinander gilt das Prinzip der gegenseitigen Abhängigkeit. Im Rahmen dieser Gesetze ist Raum für Schönheit, Harmonie und sich selbst bestimmende Steuerungs- und Ausgleichsvorgänge. Aber letztlich sitzen wir „Alle in einem Boot“, genauer in einem Bauch, nämlich im „Bauch des Kronos“. Der Saturn symbolisiert kollektive Vorstellungen mit machtvoller Wirkung auf die realen Lebensbedingungen. Diese Wirkungen bestimmen uns umso stärker, je mehr wir uns vom Kollektiv abhängig machen und je ausschließlicher wir uns mit unserer eigenen konkreten Erscheinung, mit dem physischen Körper identifizieren. Dann erfahren wir uns als voneinander getrennt, als begrenzt und sterblich. Der Saturn ist der Einstieg in die physische Realität. Unser Bewusstsein bindet sich an die Materie, es wird durch die Macht des Saturns regelrecht auf die konkrete Erscheinungswelt fixiert, wie durch eine kollektive Hypnose. Das Bewusstsein beginnt, sich zu verfestigen. Saturn symbolisiert die Umwandlung zum Festen. Dem entspricht in der menschlichen Entwicklung die Bindung des „Ich“ an den physischen Körper.

Irgendwann wird uns bewusst, dass der physische Körper, in dem wir wohnen, vergänglich ist. Wenn wir uns ausschließlich mit dem vergänglichen Körper identifizieren und unsere vorzeitliche und schöpferische Wirklichkeit vergessen, dann leben wir in Todesangst. Und wenn wir die nicht ertragen, dann leben wir mit all unseren Versuchen, unsere Angst vor dem Tod durch Gier, Aggression oder Ignoranz zu verdrängen. Dadurch erfahren wir dann buddhistisch „Samsara“, jüdisch/christlich „die Vertreibung aus dem Paradies“, oder olympisch gesprochen „Die Dunkelheit im Bauch des Kronos“.

Eigentlich ist die Situation paradox. Wenn wir uns nur mit dem physischen Körper identifizieren, erfahren wir uns als Ego, als etwas, das von der übrigen Wirklichkeit getrennt existiert. Wir fühlen uns allein. Der Witz daran ist, das tun wir fast Alle. Das bedeutet: “Wir sind Alle zusammen Allein”. Alle zusammen allein? Ja was denn nun? Alle Zusammen oder Alle allein? Das ist das Paradox des Saturns. Wir sind in der Sphäre des Saturns beides zugleich! Wir sind Alle zusammen und Alle sind allein! Also schließen wir uns unter der Wirkung des Saturn eventuell einem Kollektiv an, egal welcher Art und Größenordnung. Ein Aspekt des Saturn, der meist übersehen wird, ist, dass alle kollektiven Maßstäbe, Traditionen, Normen, Gesetze etc., die ja seit jeher dem Saturn zugeordnet werden, auf Vorstellungen beruhen, wenn auch auf kollektiven Vorstellungen. Wahnhafte Vorstellungen gibt es aber auch auf der kollektiven, nicht nur auf der individuellen Ebene. Ein Kabarettist brachte die Spannung zwischen unterschiedlichen kollektiven Vorstellungen einmal wie folgt auf den Punkt:

„Wenn ich mit Gott spreche, nennen die Leute das Beten. Wenn Gott aber dann auch mal mit mir spricht, dann nennen das dieselben Leute auf einmal Psychose.“

Ich nehme an, dass Sie im Moment lächeln. Wenn es Ihnen gelingt, sich aus den Vorstellungen des Kollektivs zu lösen, sich Ihrer Sterblichkeit zu stellen und so zu handeln, wie es Ihnen aus tiefstem Herzen entspricht, dann haben Sie die zentrale Lektion des Saturns gelernt. Es heißt, dass der Kirchenvater Augustinus einmal gefragt wurde, wie man sich denn am Besten verhalten soll. Worte wie „soll, sollte, kann, könnte, müsste, muss, dürfte, darf“, sind natürlich typische Vokabeln des Saturns im Sinne kollektiver Regeln und Gesetze, – das ist vollkommen klar. Und da soll der Kirchenvater Augustinus gesagt haben: „Liebt und tut was ihr wollt.“
Der Saturn wird in der Alchemie auf der Stufe der Rubedo dem Kronenchakra zugeordnet, das uns mit dem Transzendenten und Schöpferischen verbindet, – wenn es geöffnet wurde. Die Öffnung des Kronenchakra setzt voraus, dass wir uns unserer Todesangst bewusst gestellt und diese dadurch überwunden haben. Ist diese Angst überwunden, offenbaren sich die Kräfte des Transzendenten. Aus dem olympischen Schöpfungsmythos wird klar, dass schon vor der Zeit und vor der Angst (Kronos) das Grenzenlose (Chaos), das Strömende (Okeanos) und die Liebe (Eros) waren. Die Liebe und die Schönheit werden als Ausdruck der vorzeitlichen, transzendenten Dimension in Aphrodite (Venus) zur Gestalt.

Soweit dieses Portrait des Saturns

 23. März 2013  Veröffentlicht von um 17:30  Astrologie, Metaastrologie Tagged with: , , , , , , ,  Keine Antworten »
Mrz 232013
 

Vorbemerkung: Dieser Text entstand auch angeregt durch die Begegnung mit einem Alchemisten. Der Begriff „Rubedo“ kennzeichnet das Ziel vieler alchemistischer Transformationsvorgänge. Der Begriff „metaastrologisch“ bezieht sich auf eine astrologische Entdeckung, die mir 1995 gelang, mehr dazu finden Sie unter „Die Entdeckung der Metaastrologie“.

Der Jupiter aus mythologischer Sicht

Jupiter steht mythologisch wie astrologisch für Erweiterung und Vielfalt. Jupiter entspricht im Mythos Zeus und gilt dort als Vater der Menschen und der Götter, als Regent der Atmosphäre und als Wettergott.

Zeus, gesprochen „Sevs“, kommt aus thjiefs identisch mit sanskrit dyauh, was „Himmel“ bedeutet. Aus dem iapendischen dijeus entstand djious was „Himmel“ oder „heller Tag“ heißt. Dijeus aus deivo-s heißt „Gott“. Sin, gleichbedeutend mit sevs, ist verwandt mit sanskrit dyam „Tag“ sowie mit altnorwegisch, bzw. altgermanisch in-diu „heute“.

Im Sinne von „Tag“ und „heute“ ist Zeus wie sein Vater Kronos ein Gott der Zeit. Aber ganz anders als dieser repräsentiert er im Sinne von „heller Tag“ das Licht des Bewusstseins und im Sinne von „Himmel“ auch dessen Weite. Es geht im Mythos des Zeus um die Entmachtung des Kronos. Es geht um die Auseinandersetzung unterschiedlicher Aspekte der Zeit und vor allem um die Frage, wie die in der Zeit enthaltenen Potentiale befreit und fruchtbar gemacht werden können. Wir knüpfen beim Schöpfungsmythos an:

Nach einem Konflikt zwischen Himmel und Erde kastriert der Titan Kronos seinen Vater Uranos und tötet ihn dadurch. Danach herrscht Kronos über Alles. Da ihm seine Eltern beim Tod des Uranos vorhergesagt haben, dass auch er eines Tages durch eines seiner Kinder entmachtet werden würde, frisst Kronos sicherheitshalber jedes Kind, dass ihm seine Frau Rhea gebiert.

Rhea hat eines Tages genug davon, dass ihr Mann die gemeinsamen Kinder frisst und als das sechste göttliche Kind geboren wird, nämlich Zeus (Jupiter), versteckt sie den Zeus sofort nach der Geburt und gibt dem Kronos stattdessen einen in eine Windel gewickelten Stein zu fressen. Das war eine hervorragende Strategie. Denn Kronos/Saturn entspricht astrologisch gesehen ja auch der Stein, und da hat sich der Kronos dann wohl gedacht: „Was die Rhea mir da in dieser Windel Gutes zum Essen gebracht hat, schmeckt ja echt wie ein Stück von mir! Muss wohl mal wieder eines meiner Kinder sein.“ Jedenfalls hat er gar nichts gemerkt und sein Sohn Zeus wurde weg gebracht und heimlich auf der Insel Kreta großgezogen. Zeus wächst umgeben von weiblichen Gottheiten in den Hügeln und Höhlen von Kreta auf. Seine Ersatzmütter sind die Nymphen Almatheia, Adrasteia und Io, seine Ratgeberin ist die Titanin Metis. Metis, die am Ufer des Okeanos lebt, der das Universum umströmt, gibt dem Zeus, als er groß genug geworden ist, einen Rat, der seine gesamte spätere Existenz bestimmen wird: Er solle doch am Hofe seines Vaters Kronos als Mundschenk verkleidet erscheinen, und dem Kronos ein Getränk aus vergorenem Honig, vermischt mit Salz und Senf anbieten. Genau dies geschieht dann auch und Papa Kronos stürzt das Gebräu in einem Zug hinunter. Als Folge dessen erbricht er zunächst den Stein, den er anstelle von Zeus verschlungen hatte und danach all die Geschwister des Zeus. Gemeinsam mit seinen Geschwistern nimmt Zeus den Kampf auf und nach langwierigen Kämpfen gegen Kronos und andere Titanen, gegen die Giganten und das Ungeheuer Typhon erringen Zeus und seine Geschwister schließlich den Sieg. Danach beherrschen Zeus, seine Geschwister und einige seiner Kinder als unsterbliche Götter vom Olymp aus den Himmel, die Erde, die Meere und die Unterwelt.

Historisch gesehen bildete sich auf der Insel Kreta um 1600 v. Chr. unter Zeus eine Synthese aus matriarchalen und patriarchalen Kulten. Der Olymp der unsterblichen Götter ist dementsprechend zu gleichen Teilen von weiblichen und männlichen Gottheiten besetzt. Abgestimmt wird demokratisch, die einfache Mehrheit genügt.

Die sechs weiblichen Gottheiten im Olymp sind:

Hera, Schwester und Frau des Zeus, Göttin der Ehefrauen, Ehe und Familie.
Hestia, Schwester des Zeus, Göttin des Herdfeuers und des häuslichen Friedens.
Demeter, Schwester des Zeus, Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit.
Artemis, Tochter von Zeus und Leto, Göttin des Mondes und der Jagd.
Athene, Tochter von Zeus und Metis, Göttin der Weisheit.
Aphrodite, Emanation des Uranos, Göttin der Liebe und der Schönheit.

Die sechs männlichen Gottheiten im Olymp sind:

Zeus, König des Olymp, Herrscher über Himmel, Wetter, Blitz und Donner.
Poseidon, Bruder des Zeus, Herrscher über die Meere.
Ares, Sohn des Zeus und der Hera, der Gott des Krieges.
Hephaistos, Sohn des Zeus und der Hera, der Schmied der Götter.
Apollon, Sohn von Zeus und Leto, Gott der Sonne, der Musik und des Orakels.
Hermes, Sohn von Zeus und Maia, der Bote der Götter.

Im Weiteren von Bedeutung sind Pluto, ein Bruder des Zeus, er regiert über die Unterwelt; sowie Dionysos, ein Sohn des Zeus und der Mondgöttin Selene, der um 700 v. Chr. die Göttin Hestia aus dem Olymp verdrängt.

Das Besondere an der Gesellschaft der unsterblichen Götter des Olymps ist die gelungene Synthese matriarchaler und patriarchaler Kulte, die Balance zwischen weiblichen und männlichen Gottheiten. Dieser Kult bestimmt unangefochten für ungefähr 1.000 Jahre die Kultur der griechischen Antike. Da Zeus der König des Olymp ist, wird dessen Planet Jupiter in der Antike mit dem „Gesetz“ und passend dazu in der zeitgenössischen Astrologie auch mit Prinzipien wie „Gerechtigkeit“ und „Synthese, Koordination, Vielfalt, Reichtum, Erweiterung, Kooperation“ etc. assoziiert. Das Prinzip der Vielfalt zeigt sich nicht nur im Kult der zwölf olympischen Götter, sondern auch im abenteuerlichen Liebesleben des Zeus. Seine vielen Liebesbeziehungen zu Göttinnen und menschlichen Frauen bringen zahlreiche Götter und Halbgötter hervor. Und das Prinzip der Vielfalt zeigt sich auch in den vielen verschiedenen Erscheinungsformen des Zeus. Nicht nur bei der Überwindung des Kronos, wo Zeus als Mundschenk verkleidet erscheint, nutzt er das Prinzip der Tarnung. Sondern auch bei seinen Liebesabenteuern taucht Zeus immer wieder getarnt, z. B. als Schlange, Goldregen, Stier, Kuckuck oder Schwan auf.

Wie aus djious, was „Himmel“ oder „heller Tag“ heißt, hervorgeht, ist Zeus der Himmelsgott des Tages. Sein Großvater Uranos dagegen ist der Gott des Nachthimmels. Da Kronos den Uranos ermordete und dessen Enkel Zeus Kronos überwindet, taucht dementsprechend in Zeus das Symbol des Himmels und der Weite wieder auf. Zeus erschafft zwar nicht die Welt, wie seine Großeltern Uranos, der Himmel und Gäa, die Erde, aber er erschafft eine neue, erweiterte Ordnung der Welt und ist insofern der würdige Erbe des Uranos.

Der entscheidende Durchbruch im Leben des Zeus ist die Befreiung seiner Geschwister aus dem Bauch des Kronos, entsprechend dem Rat der Titanin Metis. Ohne diesen Vorgang ist die gesamte weitere Entwicklung undenkbar.

Zeus lehrt uns die Kunst, den Kronos zum Kotzen zu bringen!

Dieser Satz ist gar nicht nur komisch gemeint, sondern das Kotzen des Kronos ist tatsächlich von tiefer symbolischer Bedeutung. Es gibt einige Hinweise, mit deren Hilfe man diesen symbolischen Vorgang entschlüsseln kann:

Unmittelbar klar ist, Zeus befreit seine göttlichen Geschwister aus dem Bauch der Zeit, indem er den Kronos zum Kotzen bringt. Er enthebt seine Geschwister dadurch dem Gesetz der Zeit und macht sie so unsterblich.

Dazu kommt: Wir wissen, dass indoarische Einwanderer den olympischen Kult mit geformt haben und finden im olympischen Mythos deshalb auch immer wieder Inhalte, die an Indien erinnern. Und nun gibt es interessanterweise eine alte Yogatechnik aus Indien, bei der man auf nüchternen Magen lauwarmes Salzwasser trinkt und dann erbricht, um Blockaden im Zwerchfell zu lösen.

Später, in der römischen Kultur gilt Zeus in der Gestalt des römischen Gottes Jupiter übrigens auch als Gott des Humors. Und Lachen erschüttert, wie Erbrechen, das Zwerchfell. Also stellt sich, wenn wir den Zeus verstehen wollen, vor allem eine Frage, nämlich: „Welche Bedeutung hat eigentlich das Zwerchfell?“

Das Zwerchfell galt den Griechen der Antike als „Sitz des Geistes UND der Seele“. Entscheidend dabei ist das UND. Denn das Zwerchfell wirkt wie ein Segel zwischen den darüber und darunter liegenden Körperregionen, das vom Atem auf und ab bewegt wird und dadurch beide Regionen stimuliert und mit einander verbindet. Oberhalb des Zwerchfells liegen vor allem die Chakras, die dem Bewusstsein entsprechen, darunter die Chakras, die unseren unterbewussten seelischen Wahrnehmungen und Kräften entsprechen. Das Zwerchfell verbindet durch sein Auf- und Abschwingen Geist und Seele. Solange das Zwerchfell im Atemstrom frei und natürlich schwingen kann, sind Geist und Seele verbunden.

Wenn aber z.B. durch einen Schock, durch Angst (Kronos) oder falsches Atmen das Zwerchfell blockiert wird, sind wir gespalten und unsere Kräfte sind dann dementsprechend blockiert. Mehr noch, wir verlieren die Orientierung, weil uns die instinktiven Wahrnehmungen aus der Bauchregion nicht mehr zugänglich sind und Energie verlieren wir natürlich auch. Seele und Geist befruchten sich nicht mehr gegenseitig. Die ursprüngliche Einheit unseres Wesens wird geteilt und zersplittert. Genau dem entspricht mythologisch die Gefangenschaft im Bauch des Kronos und alchemistisch die Phase der „Nigredo“. Nigredo meint generell den unerlösten Zustand einer Substanz oder eines Menschen.

Zeus löst die Blockaden im Zwerchfell und trägt so die unterbewussten, seelischen Anteile unseres Wesens in das Licht des Bewusstseins und befreit dadurch unsere Potentiale. Er hilft uns dabei, unser ganzheitliches Wesen wieder neu zu erleben und zu erfahren. Zeus kommt, wie erwähnt, aus sanskrit dyam „Tag“ sowie aus altnorwegisch, bzw. altgermanisch in-diu „heute“. Zeus aktualisiert unsere Möglichkeiten, er fördert sie zu Tage und trägt sie ins Heute, ins Hier und Jetzt. Er sorgt für einen sinnvollen Zusammenhang unserer bewussten und unterbewussten Kräfte und ermöglicht so deren Integration. Er bringt uns zurück in die Gegenwart unserer Möglichkeiten.

Dies zeigt sich auch im Zeichen des Schützen, das zum Planeten Jupiter gehört. Das Bild des Schützen ist ein Doppelwesen, ein mit einem Bogen bewaffneter Kentaur mit menschlichem Kopf und Oberkörper auf einem Pferdeleib. Die animalischen Energien und Instinkte, symbolisiert durch den Pferdeleib, verbinden sich mit menschlichen Qualitäten wie geistiger Zielsetzung und zielgerichtetem Handeln, symbolisiert durch den menschlichen Oberkörper des Bogenschützens samt Bogen und Pfeil. Die unterbewussten, animalischen Anlagen werden nicht blockiert oder unterdrückt, sondern auf ein geistig bestimmtes Ziel gerichtet. Die Seele wird inklusive ihrer animalischen Anteile geistig integriert. Zeus ermöglicht Bewegung, Richtung und Sinn und eröffnet so die Chance zur individuell angemessenen, glücklichen Entwicklung.

Bei den Astrologen des antiken Persiens und Griechenlands galt der dem Zeus zugeordnete Planet Jupiter als das „Gesetz“, und Zeus galt als gerecht. Er verhält sich auch gegenüber seinem Vater Kronos großzügig und fair. Im Mythos machte er Kronos nach seiner Unterwerfung zum Herrscher über das Elysium, den schönsten Ort in der Unterwelt.

Der Jupiter aus astrologischer Sicht

Nach der Sicht der metaastrologischen Planetenbilder gilt für den Jupiter Folgendes als besonders wesentlich: Das Potential des Jupiters liegt in unserem seelischen Anteil an unserer Bestimmung. Seine Aktivität besteht darin, diese Anteile fruchtbar zu machen.

Der Jupiter macht unterbewusste, seelische Potentiale durch das Bewusstsein fruchtbar und verbindet so Seele und Geist. Dazu findet sich eine Parallele bei Agrippa von Nettesheim: „Die ununterbrochene Fortdauer des Ganzen gehört dem Saturn an“, sagt Agrippa über den Saturn (Kronos) und über dessen Sohn Jupiter (Zeus) sagt er: „die Fruchtbarkeit der wirkenden Ursachen hängt vom Jupiter ab“. Dem Saturn entspricht die Zeit als das bestimmende Prinzip, als „die ununterbrochene Fortdauer“, in der sich das Ganze abspielt. Der Jupiter macht die darin liegenden „wirkenden Ursachen“ fruchtbar. „Wirkende Ursachen“ sind modern formuliert „ruhende Potentiale“, die etwas bewirken können, aber eben erst und nur dann, wenn sie fruchtbar werden. Und die Fruchtbarkeit ruhender Potentiale hängt eben, nach Agrippa von Nettesheim, vom Jupiter ab. Übrigens drängt Jupiter auch astrologisch gesehen den Saturn in den Hintergrund (des Bewusstseins), wenn er aktiv wird, so wie Zeus den Kronos entmachtet.

Beide, Saturn wie Jupiter symbolisieren Aspekte der Zeit. Der Saturn repräsentiert die Zeit als eine allgemeine, bestimmende Gesetzmäßigkeit, dem alle Lebewesen unterliegen. Im Sinne der Beschränkung, die der Saturn durch seine Gesetze dem einzelnen Wesen auferlegt, erzeugt Saturn das Prinzip der Konzentration. Sein Bild ist ein Kreuz (Materie) über einer Mondsichel (Seele). Hier erfährt sich das Seelische als unter der (bedrückenden) Herrschaft der konkreten, materiellen Realität und der Vergänglichkeit stehend.

Jupiter entspricht dagegen einer sinnvollen Abfolge von Entwicklungsphasen, die ein Wesen zur Entfaltung und Erfüllung seiner Potentiale führt und diese fruchtbar macht. So steht der Jupiter für das Prinzip der Expansion. Saturn zeigt die Seele, die in ihrer Bindung an das Körperliche von den Grenzen und Gesetzen der Materie und der Vergänglichkeit beherrscht wird. Mit dem Jupiter erobert sich das Seelische und Lebendige eine souveräne Position innerhalb der Gesetze des Ganzen zurück. Dadurch entsteht eine individuelle angemessene Umsetzung allgemeingültiger Gesetze im individuellen Lebensweg. Sein Bild ist eine Mondsichel (Seele) oberhalb eines Kreuzes (Materie). Hier erhebt sich das Seelische über die Vergänglichkeit und die Begrenztheit der materiellen Erscheinungswelt.

Im Mythos wird das ganz klar. Die Geschwister des Zeus im Bauch des Kronos sind „wirkende Ursachen“ also noch „ruhende Potentiale“. Ohne Zeus wären seine Geschwister niemals frei geworden, sie hätten sich niemals entfalten können. Sie wären im Bauch des Kronos gefangen geblieben. Aber Zeus/Jupiter befreit sie und verhilft ihnen zur individuellen Entfaltung. In der Astrologie gilt der Jupiter demgemäß auch als „Förderer“.

Astrologisch gesehen ermöglicht Jupiter die Befreiung, Wahrnehmung, Differenzierung und Aktualisierung ruhender Potentiale vor allem dadurch, dass er die Andersartigkeit und spezifische Qualität eines Potentials erfasst und diese als ein sinnvolles Element in das jeweils größere Ganze integriert. Die bewusste Differenzierung führt zur Vielfalt.

Der Mythos zeigt, dass in Zeus, seinen Geschwistern und Kindern erneut dasjenige wirklich wird, was schon vor Kronos existierte. Zeus ist wie sein Großvater Uranos ein Himmelsgott. Sein Bruder Poseidon, der Herrscher über die Meere, entspricht dem kosmischen Okeanos. Seine Schwester Demeter ist, wie Gäa, eine Göttin der Erde, aber spezialisiert, nämlich auf den Ackerbau. Der vorzeitliche Eros wird in Aphrodite, der Göttin der Liebe zu einer unsterblichen Göttin, die wiederum mit Ares selbst ein Kind namens Eros hat, usw.

Auch astrologisch gesehen erschafft der Jupiter Vielfalt und Reichtum, in dem er schon bestehende Wirklichkeiten erfasst, bewusst macht, befreit, weiter entwickelt und differenziert. Er ist nicht schöpferisch im ursprünglichen Sinne, so wie der Uranos, der aus dem Nichterschaffenen und Grenzenlosen schöpft. Sondern er schöpft Potentiale aus, die er dank seiner entwicklungsorientierten Anschauung im Leben erkennt. Der Jupiter hat übrigens in den Horoskopen von Managern, Teamleitern, Personalentwickler und Koordinatoren meist eine wichtige Stellung. In diesen Berufen ist die Fähigkeit die Potentiale seiner Mitarbeiter zu erkennen, zu entfalten und für das Unternehmen fruchtbar zu machen, von maximaler Bedeutung. Man könnte sagen, der Jupiter ist in Gestalt des Zeus als Leiter des Olymps der erste und bedeutendste Manager, Teamleiter, Personalentwickler und Koordinator in der europäischen Kultur. Der Jupiter wirkt gemeinschaftsbildend, indem er die latenten Möglichkeiten und Potentiale einer Gruppe als geistiges Bild und erreichbares Ziel erkennbar macht.

Jupiter ist wie ein Maler, der aus den Grundfarben Gelb, Rot, Blau, Orange, Violett, Gründ Schwarz und Weiß eine atemberaubende Vielfalt an Farbtönen mischt und daraus Bilder komponiert. Er schafft Begegnungen, Verbindungen und Partnerschaften. Er stellt Zusammenhänge her, er ist Koordinator und Komponist. Er erzeugt neue Entwicklungen, in dem er die einzelnen Elemente einer Situation in neue Zusammenhänge stellt und er ist auch ein sehr erotischer Planet. Seine Liebesabenteuer im Mythos sind Legende. Übrigens hatten zwei der ganz großen Pioniere der modernen Malerei, nämlich Wassily Kandinsky und Paul Klee, die Sonne im Schützen, dem Zeichen des Jupiters und beide haben sehr interessante Bücher über das Prinzip der Komposition in der Malerei geschrieben.

Jupiter steht in der Astrologie traditionell für das „Glück“ und auch für den „Sinn“. „Glück“ ist der seelisch erfahrbare und „Sinn“ der geistige Aspekt des Jupiters. Der Jupiter gehört sowohl zu den seelischen, als auch zu den geistigen Planeten. Er bringt uns Vielfalt und seelische Erfüllung und er ermöglicht uns, ein Weltbild zu entwickeln. Der seelische Aspekt scheint den meisten von uns wichtiger zu sein. Wer glücklich ist, fragt meist nicht nach dem Sinn des Lebens, wer unglücklich ist, aber sehr wohl. „Sinn“ als geistiger Bezugspunkt scheint es uns möglich zu machen, in Krisen durch zu halten.

Wenn aber der geistige Entwurf, den wir als „Sinn“ verstehen, immer wieder enttäuscht wird, wenn wir unsere Erfahrung und unsere Anschauung nicht mehr unter einen Hut bekommen, erfahren wir eine „Sinnkrise“. Wir brauchen dann eine andere, oder veränderte Anschauung. Wir müssen unseren Jupiter weiter entwickeln. Jemand „sucht nach dem Sinn des Lebens“ lautet eine häufig gebrauchte Formulierung. So als ob der Sinn des Lebens ohnehin schon irgendwo vorhanden wäre und wir leider nur noch nicht wissen, wo genau. Aber vielleicht ist „Sinn“ eher etwas, das wir selbst bewusst erzeugen?

Als ich den Jupiter erforschte, startete ich eine Befragung zu dem Thema, „Was ist Glück?“. Die Mehrheit der Befragten äußerte sinngemäß: „Glück ist, wenn ich mich gemäß meiner Eigenart entwickle und durch die Realisation meiner Potentiale andere bereichere und deren Wertschätzung erfahre.“

Auf der Stufe der Rubedo wird Jupiter dem Halschakra zu geordnet, das für die Ausdrucksfähigkeit steht. Ausdruck ermöglicht Vermittlung. Im Mythos ist Hermes, der erste Sohn des Zeus, der Götterbote, der Vermittler schlechthin.

Soweit dieses Portrait des Jupiters

Mrz 232013
 

Der Begriff „metaastrologisch“ bezieht sich auf eine astrologische Entdeckung, die mir 1995 gelang, mehr dazu finden Sie unter „Die Entdeckung der Metaastrologie“.

Der Mond aus mythologischer Sicht

So wie es im griechischen Mythos zwei Sonnengötter gibt, gibt es auch zwei Mondgöttinnen, nämlich Semele oder Selene, die Schwester des Helios und Artemis, die Schwester des Apollon.  Zunächst zu Artemis:

Artemis, gesprochen „Artemi“ mit Betonung der ersten Silbe, Tochter von Leto und Zeus, wird mit Pfeil und Bogen dargestellt. Die Mondsichel wurde mit dem Bogen assoziiert, so ist die Mondgöttin Artemis auch die Göttin der Jagd.

Artemis bedeutet „sicher, unverletzt, etwas Ganzes“. Die Herleitung ist nicht ganz gesichert, aber aus ar wie in areti „Tugend“ und ari „Überlegenheit“ zusammen mit temes- „ich kümmere mich um jemanden“, und a-tmin „Diener“ ergibt sich letztlich artemia „Ganzheit, Gesundheit und Sicherheit“.

Artemis ist eine mächtige alte matriarchale Gottheit. Im Matriarchat sind die Grosse Mutter Erde, Gäa und der Mond die zentralen Gottheiten. Die Erde entspricht dabei wohl dem materiellen Aspekt des Seins und der Mond, als Lichtbringer, dem Aspekt des Bewusstseins. Da der Mond Ebbe und Flut beeinflusst, wurde er immer schon mit dem Wasser, und dank seiner Beziehung zum Rhythmus der Menstruation, seit jeher auch mit weiblichen Gottheiten assoziiert. Wasser, Fruchtbarkeit und zyklische Wandlung sind die zentralen Inhalte jeder Mond- und Naturreligion. Da der Mond eng mit den Rhythmen der Natur in Verbindung steht, waren die matriarchalen Kulte wohl durch ein an die Rhythmen der Natur gebundenes instinktives, intuitives Bewusstsein geprägt. Dem Mond entsprechen die Lebendigkeit, Fruchtbarkeit und Wandlungen des Seelischen und der Natur, einem Seinsbewußtsein, in dem Mensch und Natur noch völlig verbunden sind.

Neumond, Vollmond und abnehmenden Mond wurden im Matriarchat verschiedene Gestalten der dreifältigen Göttin als junges Mädchen, reife Frau und Greisin zugeordnet. So war die dreifältige Mondgöttin allgegenwärtig, z.B. als Fruchtbarkeits-, Schicksals- und Rachegöttin. Viele dieser Göttinnen fanden später auch Eingang in den olympischen Kult. Die Mondgöttin Artemis ist im Matriarchat als die „Weißgestirnte“ auch die Herrscherin über den Nachthimmel und das Sternenzelt. Sie muss aber später, unter dem Einfluss des olympischen Kultes, die Herrschaft über die Sterne an Zeus abgeben. Im olympischen Kult wird Artemis im Bild der bogenförmigen silbernen Sichel des Neumonds auch zur Göttin der Jagd und daneben hat sie folgende weitere Bedeutungen:

Artemis wurde nach einem Beschluss der drei Schicksalsgöttinnen zur Schutzgöttin der Gebärenden. Daneben beschützt Artemis die Kinder und die Tiere, obwohl sie selbst die Jagd liebt. Wie ihr Bruder Apollon kann sie Krankheit und Tod bringen, sie kann aber auch heilen.

Zeus übertrug ihr das Amt der Lichtbringerin und machte sie zur Beschützerin der Straßen und Häfen von 30 Städten auf dem Festland und den Inseln. Er gab ihr die Herrschaft über alle Berge der Welt und erlaubte ihr, sich 60 Ozeannymphen und 20 Flussnymphen als Gefolge zu wählen.

Nun zu der Mondgöttin Semele oder Selene, gesprochen „Selini“ mit Akzent auf der zweiten Silbe. Selene bedeutet „Mond“ und „Monat“. Selene war eine Geliebte des Zeus. Er näherte sich ihr, wie er es so oft bei seinen Geliebten tat, in verwandelter Form und zwar als gewöhnlicher Sterblicher. Hera, die eifersüchtige Ehefrau des Zeus, riet der im sechsten Monat schwangeren Selene, sie solle ihren Geliebten doch drängen, ihr endlich zu sagen, wer er wirklich sei. Denn sonst, so Hera, könne sie doch unmöglich sicher sein, dass sie es nicht mit einem Ungeheuer zu tun habe. Zeus lehnte es ab, seine Identität preis zu geben, Selene reagierte darauf, indem sie sich ihm verweigerte. Darauf erschien Zeus als Blitz und Donner und Selene war von seiner Erscheinung so überwältigt, dass sie starb. Hermes aber rettete ihren Sohn Dionysos und nähte ihn in den Schenkel des Zeus ein, so dass er noch drei Monate weiter reifen konnte. Dionysos, der auch „Vakhos“ genannt wird, ist der Gott des Weins, der Inspiration und der Kunst dramatischer Poesie. Er trägt bei seiner Geburt Hörner und eine Schlangenkrone. Auf Befehl der eifersüchtigen Hera wird er von den Titanen verfolgt, zerrissen und in einem Kessel gekocht. Aber dann wird Dionysos von seiner Großmutter, der Erdtitanin Rhea wieder zusammengefügt und wiederbelebt. Nach seiner Rettung durch Rhea wächst Dionysos unter dem Schutz von Persephone, der Göttin des Frühlings, der Unterwelt und der Wiedergeburt, als Mädchen verkleidet und verborgen in Frauengemächern auf.

Seine Mutter, die Mondgöttin Selene, seine Wiederbelebung durch die Erdtitanin Rhea, sein Leben als Mädchen unter dem Schutz der Persephone und sein weibliches Gefolge, die stets berauschten Mänaden, lassen vermuten, dass hier das Mondbewusstsein in der Gestalt eines männlichen Gottes mit weiblichen Zügen wieder auftaucht und an Macht gewinnt. Dionysos gilt als Urheber des griechischen Theaters und ist so eine Ergänzung zu seinem Bruder, dem Kultur stiftenden Gott Apollon. Aber im Umfeld des orgiastischen Dionysoskults kommt es auch zu Fällen von Wahnsinn und Kannibalismus. Dionysos bedeutet „der zweimal Geborene“ oder „das Kind der doppelten Tür“. Sein zweiter, älterer Name Vakhos bedeutet „jemand im Zustand von Enthusiasmus und Trance“. Vakhia bedeutet „Verrücktheit, Manie, den Verstand verlieren“, iakhos „orgiastisches Schreien“. Enthusiasmus aus enthousiasmos bedeutet „göttliche Begeisterung, Verzückung, Erregung“.

Der olympische Kult ist unter anderem auch eine dauernde Auseinandersetzung des menschlichen Bewusstseins mit der Mondsphäre, eine Emanzipation des menschlichen Geistes aus dem instinkthaften Seinsbewußtsein der Naturreligionen heraus. In der jungianischen Psychologie wird diese Phase „Der Drachenkampf“ genannt.

In der Hirnforschung wird das lymbische System, das unsere archaischen Instinkte und Verhaltensformen wie Flucht, Angriff und Verteidigung aktiviert, manchmal als „Reptilienhirn“ bezeichnet, weil dieser älteste Teil unseres Hirns im Hinterkopf schon bei den Reptilien zu finden ist. Die Frontallappen hinter der Stirn, die uns zu kreativen und sozialen Lösungen befähigen, werden manchmal „Engelsgehirn“ genannt. Mythen und Bilder vom Drachenkampf gibt es in allen Kulturen. Häufig sind nicht nur Bilder von jungen Helden, sondern auch von Engeln zu sehen, die mit dem Drachen kämpfen. Und jetzt schau mal einer an, der „Drache“ sieht eigentlich fast immer wie ein Reptil aus.

Der Drachenkampf ist der Kampf des menschlichen Geistes mit den Mechanismen des lymbischen Systems. Diese archaischen Mechanismen sind, wenn man so will, „die dunkle Seite des Mondes“. Der menschliche Geist projiziert die Inhalte seines Reptilienhirns auf das Bild eines Drachens, den er zu besiegen versucht. Die Distanz zwischen lymbischem System und Frontallappen beträgt zwar nur eine Handspanne. Aber der Weg dazwischen kann sehr lang sein. Dieser Weg besteht in dem, was wir „Kultur“ nennen. Kultur ist der Versuch, den jeweiligen Ort des Menschen zwischen den Polen der archaischen Triebsphäre einerseits und dem freien schöpferischen Bewusstsein andererseits durch eine bewusst gestaltete Balance zwischen diesen Polen zu stabilisieren. Mit Dionysos kippt die Balance des olympischen Kultes jedenfalls anscheinend in Richtung des archaischen Pols.

Um 700 v. Chr. wird Dionysos ausgerechnet durch seinen Halbbruder Apollon (!) in den Olymp eingeführt. Der Unterschied zwischen Apollon und Dionysos ist enorm. Apollon begegnen wir heute z.B. in den „Musentempeln“, also in den Kunstmuseen, Dionysos wohl eher bei Rockkonzerten und Orgien. Dionysos verdrängt dabei Hestia, die Göttin des Herdfeuers und häuslichen Friedens aus dem Olymp, die sich immer aus den Konflikten und Abenteuern der anderen unsterblichen Götter heraus gehalten hat, – was für ein Bild! Da lässt sich schon ahnen, dass nun der häusliche Frieden im Olymp verloren geht und der Verlust des Friedens in einer Gemeinschaft beschleunigt deren Untergang.
Ungefähr 150 Jahre später zeigen sich erste Tendenzen zur Auflösung des olympischen Kultes. Ungefähr von 570 bis 480 v. Chr. lebt Xenophanes, ein Philosoph, der Kritik an den olympischen Göttern übt. Im Hellenismus, ungefähr ab 350 v. Chr. löst sich die Bindung an den olympischen Kult auf. Es werden allgemein Zweifel am Sein der olympischen Götter geäußert. Es entsteht ein Kult der Tyche, des blinden, grausamen Zufalls, dem alle unterworfen sind. Wo der blinde Zufall verehrt wird, sind die Sinn stiftenden Bildordnungen nicht mehr wirksam. Dementsprechend wird der olympische Mythos danach von anderen geistigen Strömungen überlagert und in den Hintergrund gedrängt.

Die Schöpfung, wie auch die Auflösung von Bildern, Mythen und Kulten sind Aspekte menschlicher Kultur. Die bildhafte Erkenntnis führt zunächst zu einer Emanzipation des Ich’s gegenüber der Wirklichkeit. Das Unermessliche und Unfassbare einer unbegreiflichen Wirklichkeit wird im Bild, Ritual und Mythos begreifbar und damit zumindest teilweise unter die Kontrolle des Ich’s gebracht.

In einer Bewegung aus seinen eigenen früheren Stufen heraus löst sich der menschliche Geist aber immer wieder auch von seinen selbst geschaffenen Bildern und ersetzt sie durch andere, neue Bilder. Vielleicht versucht er auch manchmal ganz ohne Rituale, Kulte, Mythen und Bilder aus zu kommen, und sich der Erfahrung des Wirklichen ganz ungeschützt und unverstellt hin zu geben. Was als individuelle Bewegung des Bewusstseins gelingen kann. Aber auf der kulturellen Ebene werden Rituale, Kulte, Mythen und Bilder als Kommunikationsmittel vielleicht immer notwendig bleiben. Die menschliche Fähigkeit zur Bildschöpfung entspricht jedenfalls, wie wir sehen werden, dem Mondhaften im menschlichen Bewusstsein.

Der Mond aus astrologischer Sicht

Die essentiellsten Aussagen des meta-astrologischen Bildes des Mondes lauten: „Schöpferisch, Bild, Bewusstsein“, – der Mond entspricht dem schöpferischen Bildbewusstsein. Was unmittelbar einleuchtet, denn der Mond gilt heutigen Astrologen vor allem als Symbol für das bildschöpferische Unterbewusstsein.

Die antiken persischen und griechischen Astrologen sahen den Mond ganz ähnlich als das Prinzip der „Verzauberung“. Was nicht nur den magischen matriarchalen Kulten entspricht. Sondern die Mondsphäre entspricht als Zustand des Bewusstseins generell der „Verzauberung“, der magischen Teilnahme an der Welt und der Gebundenheit in der Sphäre emotional aufgeladener Bilder.

Das Unterbewusstsein ist bildschöpferisch. Nicht nur im Traumzustand, sondern auch in dem Sinne, als es auch bei Tag aus eigenem schöpferischem Vermögen Bilder auf seine Umgebung projiziert und dann deren Wirkung erfährt. Wobei der Fokus des Unterbewussten normalerweise auf der Erfahrung dieser Bilder und deren emotionaler Wirkung liegt, die dann die Bewegungen des Subjekts motivieren und steuern. Dass das Unterbewusstsein, astrologisch der Mond, diese Bilder selbst erschafft, bleibt dagegen oft unbewusst. Nehmen Sie einen Angsttraum als Beispiel für das Gesagte:

Wenn Sie im Traum einer Schrecken erregenden Gestalt begegnen, dann erleben Sie im Traum diese Gestalt und den Schrecken, der dadurch in Ihnen ausgelöst wird. Dass Sie selbst der Schöpfer des Traumes sind, bleibt Ihnen aber normalerweise unbewusst. Ähnliches gilt für die bildschöpferischen Aktivitäten des Mondes im Tagesbewusstsein, für die Projektionen, wo man eigene Inhalte auf andere Personen überträgt. Der Mond, das persönliche Unterbewusstsein, ist auch der Kanal für Inhalte aus tieferen Schichten des Unterbewussten. Wir unterscheiden in der Astrologie drei Schichten des Unterbewussten:

Der Mond repräsentiert das persönliche Unterbewusstsein.
Der Pluto symbolisiert die aus der Ahnenreihe übernommenen Inhalte.
Der Neptun entspricht dem grenzenlosen allgemeinen Unbewussten.

Das persönliche Unterbewusste (Mond) entwickelt idealer weise die von den Vorfahren ererbten Bilder (Pluto) in einer schöpferischen, individuellen Form weiter und ordnet sie neu. Das ist genau das, was z.B. beim „Familien-Stellen“ und anderen systemischen Therapien geschieht. Es ist aber auch möglich, was schade wäre, dass man seelisch in den ererbten Inhalten einfach nur „stecken bleibt“, und sie beibehält, ohne sie für sich zu differenzieren.

Der Mond speichert Einschläge aus dem Grenzenlosen (Neptun). Allgemeine unbewusste Inhalte können als die tiefer liegenden Bildstrukturen zur prägenden Orientierung des persönlichen Unterbewussten werden. Denken Sie sich zur Illustration einen Inhalt im allgemeinen Unbewussten wie eine mächtige Strömung in einer tiefen Schicht des Ozeans, der die kleineren Strömungen an der Oberfläche des Ozeans beeinflusst.

Hier ist es notwendig, zwischen persönlichen und allgemeinen Inhalten zu unterscheiden und erst dann den allgemeinen Inhalt zu integrieren. Wenn man sich mit einem Archetyp (Urbild) aus dem allgemeinen Unbewussten identifiziert, bläht der allgemeine Inhalt das Ich ins Maßlose auf. Und wenn die Identifikation mit diesem allgemeinen Inhalt zusammen bricht, bricht auch dieses aufgeblähte „Ich“ wieder zusammen. Wenn man einen Archetyp aber einfach nur ablehnt, fehlt die Orientierung und Energie, die durch diesen Archetypus angeboten wurden.

Weiter fällt aus meta-astrologischer Sicht auf, dass der Mond dazu tendiert, sich wie in einer kreisförmigen Bewegung emotional an bestimmte Inhalte oder Personen zu binden, die dann wiederum die Emotionen in Gang bringen und dadurch die Bindung an diese Inhalte oder Personen erneut verstärken. Das ist genau das, was man als „seelische Muster“ bezeichnet. Wenn dies im Sinne einer zunehmenden Zuneigung innerhalb einer glücklichen Beziehung geschieht, wunderbar! Aber dem Mond entspricht in dem Zusammenhang leider auch die Neigung zum sich wiederholenden „Drama“.

Bestimmte Muster werden, wie unter einem Zauber stehend, immer wieder ausagiert und erlebt, selbst wenn sie sehr schmerzhaft sind, bis man sie als vom eigenen Unterbewussten erschaffen erkennt. Der Entwicklungsweg des Mondes liegt darin, sich selbst bewusst als schöpferisch, oder als eine Bilder und Begegnungen schaffende Aktivität des Schöpferischen zu erleben. Im Drama gibt es die gleichermaßen demütigenden Rollen von Opfer und Täter. Erkennt man sich als deren Schöpfer, wird man davon frei.

Solange wir die Gefangenen und Sklaven unserer seelischen Dramen und Muster sind, kann von Freiheit keine Rede sein. Individuelle Freiheit und damit auch unsere Verantwortung, resultieren erst aus der Chance zu freiem und bewusstem schöpferischen Ausdruck und Verhalten. Ausdruck und Verhalten entsprechen astrologisch der Sonne.

Soweit dieses Portrait des Mondes

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